Tag der Erfahrungsmedizin 2019
Das Thema Heilen begeistert und berührt

Welch ein Andrang: Über 1200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Schweiz sind zum ausgebuchten Tag der Erfahrungsmedizin 2019 in das Congress Center Basel geströmt. Die Stimmung unter den Anwesenden war entspannt und durchwegs positiv. Sie erlebten begeisternde, rhetorisch brillante Vorträge mit bemerkenswerten Standpunkten zum Thema Heilen.

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«Bei allen Vorträgen habe ich es bedauert, als sie fertig waren», lautete der Kommentar einer Teilnehmerin. Die zahlreichen Facetten des Heilens wurden von den hochkarätigen Referentinnen und Referenten zugleich kompetent, anschaulich und unterhaltsam vorgestellt. Ein Faktor kristallisierte sich dabei als zentral für das Heilen heraus: die Beziehung zur Patientin bzw. zum Patienten. Der Wert der Liebe wurde von mehreren Vortragenden herausgestrichen. Und auch der Wunsch nach einer vermehrten Zusammenarbeit zwischen Schul- und Erfahrungsmedizin wurde mehrfach geäussert, was bei den Zuhörenden auf grossen Anklang stiess.

Wie das Hirn das Heilen beeinflusst
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Lutz Jäncke

Nach der herzlichen Begrüssung durch die Eskamed-Inhaberin Frau Dr. med. Silva Keberle und dem Grusswort des Basler Regierungsrates Dr. iur. Lukas Engelberger leitete die EMR-Leiterin Françoise Lebet mit einem eindrücklichen Film über eine Strassenumfrage zum Thema Heilen in das Tagungsthema ein. Angekündigt von Moderatorin Beatrice Müller entführte der Neuropsychologe Prof. Dr. rer. nat. Lutz Jäncke das Publikum danach mit einem Vortrag wie ein Feuerwerk in sein Spezialgebiet. Eindrücklich zeigte er, welche wichtige Rolle das Hirn für das Heilen spielen kann. So steigen gemäss einer Forschungsarbeit die Hirnaktivitäten für einen bestimmten Körperteil um das Fünffache, wenn man sich gedanklich auf diesen konzentriert. Der Mensch kann demnach auch einen grossen Einfluss auf das Heilen ausüben: «Wir haben den Marschallstab dafür in der Hand», konstatierte Jäncke.

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Alexander Kiss

Der Schulmediziner Prof. Dr. med. Alexander Kiss ging auf Unterschiede zwischen der Schulmedizin und der Erfahrungsmedizin bezüglich des Heilens ein. Während die Schulmedizin darauf abziele, den ursprünglichen, gesunden Zustand einer Patientin oder eines Patienten wiederherzustellen, sei das Heilen in der Erfahrungsmedizin vieldeutiger und mehr auf die Selbstheilung ausgerichtet. Weiter plädierte Kiss für einen stärkeren Dialog in der Beziehung zwischen Behandelnden und Behandelten, weil bei einem Monolog die Information vielfach falsch aufgenommen werde.

«Jede Heilung ist auch eine Selbstheilung»
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Sabine Bannwart, Catherine Ott
und Beatrice Müller

In einer Gesprächsrunde unter Leitung von Beatrice Müller berichteten die Shiatsu-Therapeutinnen Sabine Bannwart und Catherine Ott aus ihrer täglichen Praxis als KomplementärTherapeutinnen. Sie erläuterten unter anderem ihre Sicht des Heilens, die stark auf die Selbstheilung ausgerichtet ist. «Jede Heilung ist auch eine Selbstheilung», sagte Catherine Ott. Und Sabine Bannwart betonte die Bedeutung der Mitarbeit ihrer Patientinnen und Patienten.
 

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Michaela Noseck-Licul

Wie unterschiedlich die Konzepte des Heilens, Leidens und Krankseins verstanden werden können, veranschaulichte die Kulturanthropologin Mag. Dr. Michaela Noseck-Licul. Sie erwähnte kulturspezifische Syndrome wie das Phänomen Susto in Lateinamerika. Die Betroffenen glauben, eine von mehreren Seelen zu verlieren, wenn sie etwas stark erschreckt, und leiden dann an ähnlichen Symptomen wie bei einer Depression. In der Erfahrungsmedizin hat die Heilung laut Noseck-Licul vielfältige Ausprägungen: Wiederherstellung, Linderung, subjektive Betroffenheit, Sinnfindung und Placeboeffekte im weiteren Sinn.

Versicherer geben Tipps zu Abrechnungen
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Tipps mit Barbara Speich
und Marianne Wiedemeier

Wer nach diesen vielfältigen Inputs noch geistige Kapazitäten frei hatte, konnte in Kurzvorträgen praktische Infos erhalten. Diese wurden in der Mittagspause und wegen der grossen Nachfrage zusätzlich in der Kaffeepause angeboten. Barbara Speich, Helsana, sowie Marianne Wiedemeier, CSS, gaben Tipps für eine reibungslose Abrechnung und Claudia Bellgardt sowie Mario Cavallaro vom EMR vermittelten Wissenswertes zur Fort- und Weiterbildungskontrolle.
 

Schonungslose Analyse des Gesundheitssystems
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Thomas Zeltner

Stehenden Applaus erhielt der Gesundheitspolitiker Prof. Dr. med. Thomas Zeltner für sein Referat, in dem er das moderne Gesundheitssystem schonungslos analysierte. Laut Zeltner verringert die zunehmende Komplexität des Systems die Veränderungsbereitschaft und auch die Motivation der Beteiligten mit verheerenden Folgen: «Viele Leute fühlen sich in diesem System verloren.» Als konkrete Probleme und Folgen der Kostenorientierung ortet Zeltner Zeitdruck und fehlendes Zuhören. Damit traf er offensichtlich den Nerv des Publikums. Und er mahnte mehr Menschlichkeit und Liebe an, untermauert mit einem drastischen und bewegenden Bild eines vor einem Spital liegengelassenen, sterbenden Knaben in Westafrika. Zeltner berührte die Anwesenden mit seinen Emotionen und seinem Schlusssatz: «Denken wir daran: Wir leben auf einem Planeten.»

In der anschliessenden Podiumsdiskussion sprach Zeltner mit bemerkenswerter Offenheit auch über seine Zeit und seine Erfahrungen als ehemaliger Direktor des Bundesamts für Gesundheit. So bezeichnete er die Wahl der erfahrungsmedizinischen Methoden, die im Rahmen der obligatorischen Grundversicherung vergütet werden, als «puren Zufall» und als Resultat eines «puren politischen Prozesses».

Für eine ganzheitliche Ausrichtung
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Ingrid Grave und Beatrice Müller

Bezüglich des Heilens waren sich in der Podiumsdiskussion alle einig, dass der Reparatur-Aspekt der Schulmedizin mit der auf den ganzen Menschen ausgerichteten Erfahrungsmedizin verbunden werden sollte. Lutz Jäncke brachte das auf den Punkt: «Alternative Lebenswege finden ist für mich auch Heilen.»

Die spirituelle und religiöse Dimension des Heilens vermittelte die Ordensschwester Ingrid Grave im Gespräch mit Moderatorin Beatrice Müller. «Spiritualität heisst für mich zu akzeptieren, dass ich mehr bin, als ich von mir weiss», erklärte Ingrid Grave und benützte dafür den Begriff Seelengrund. Sie sprach von ihrer persönlichen Erfahrung mit einer überwundenen Krebserkrankung und vom positiven Effekt, sich als Teil einer ganzheitlichen Schöpfung zu fühlen: «Wenn eine Hand von oben da ist, hilft das für die Genesung.»

«Heilen ist Verwandlung»
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Ludwig Hasler

Ist der Mensch überhaupt heilbar? Unter diese provokative Frage stellte der Philosoph Dr. phil. Ludwig Hasler seinen Vortrag. Und er wartete mit einer bemerkenswerten Einschätzung heutiger Verhaltensmuster auf. Laut Hasler gab sich der Mensch noch nie so viel Mühe, fit, geschickt und korrekt zu sein. In gleichem Mass nehme jedoch die Anzahl der Depressionen zu. «Ich behaupte, Heilen ist Verwandlung», sagte Hasler. Und das sei nur möglich, wenn jemand ausschweifen könne. Als stärkste Heilkraft sieht er die Liebe. Grundlegende Bedeutung für das Heilen misst Hasler der Beziehung zur Patientin oder zum Patienten zu: «Ich muss in den Augen meiner Ärztin sehen, dass sie daran glaubt, dass ich wieder gesund werde.»

Mit dem «Hornroh Modern Alphorn Quartet» klang der Tag der Erfahrungsmedizin 2019 aus. Die zahlreich eingegangenen, teilweise euphorischen Rückmeldungen zeigen: Es war ein rundum gelungener und inspirierender Anlass.

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