Tag der Erfahrungsmedizin 2019
Referate

Das sich selbst «heilende» Hirn
Heilen aus Sicht des Neuropsychologen

Prof. Dr. rer. nat. Lutz Jäncke

Lutz Jäncke
Prof. Dr. rer. nat., Lehrstuhl für Neuropsychologie am Psychologischen Institut der Universität Zürich; produktivster und angesehenster Hirnforscher der Welt und Inhaber mehrerer Auszeichnungen für seine Lehre.

Das menschliche Hirn ist ein bemerkenswertes Organ. Es besteht aus circa 100 Milliarden Nervenzellen. Jede dieser Nervenzelle verfügt über 10'000 bis 100'000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen. Deshalb ist das menschliche Hirn ein extrem grosses und weit verzweigtes Netzwerk. Diese enorme neuronale Vernetzung ist im Tierreich einzigartig. Sie ist Grundlage für das Denken und Handeln des Menschen. Jede Wahrnehmung, jeder Gedanke und jede Gefühlsregung wird durch spezifische Netzwerkaktivitäten der Nervenzellen hervorgerufen. Individuelle Erfahrungen haben einen grossen Einfluss auf das Netzwerk, durch sie kann es moduliert und gelegentlich sogar aufgebaut werden. Deshalb kann man durchaus von einem individuellen Gehirn sprechen.

Ausserdem kann man das Gehirn als ein in sich abgeschlossenes System auffassen, das sich rekursiv ständig selbst beeinflusst. Damit kann sich das Gehirn quasi selbst verändern oder zumindest seine eigenen Aktivitäten modulieren. Viele Krankheiten, sowohl psychische als auch körperliche, werden durch diese rekursive Tätigkeit des Gehirns beeinflusst.


«Heilen bedeutet nicht nur, dass man objektiv gesund wird, sondern vor allem (!), dass man einen Weg findet, seine Krankheit zu akzeptieren und die Situation angemessen und lebensbejahend zu interpretieren.»


Heilen – eine Herausforderung für das Patientengespräch?
Heilen aus Sicht des Schulmediziners

Prof. Dr. med. Alexander Kiss

Alexander Kiss
Prof. Dr. med., Facharzt FMH Allgemeine Innere Medizin; Fähigkeitsausweis Psychosomatische und Psychosoziale Medizin; ehemaliger Chefarzt Psychosomatik der Universitätsspital Basel; Tätigkeit in der Praxengemeinschaft Warteckhof in Basel.

Kranke wollen geheilt werden, sei es von der Schulmedizin, sei es von der Erfahrungsmedizin. Der Begriff Heilen ist in der Schulmedizin eng definiert als «Wiederherstellung der Gesundheit unter Erreichen des Ausgangszustandes (restitutio ad integrum).» So gesehen heilt die Schulmedizin wenige Patienten, was auch in dem alten Leitspruch «To cure sometimes, to relieve often, to comfort always» («Manchmal heilen, oft lindern und immer trösten») zum Ausdruck kommt. In der Erfahrungsmedizin wird der Begriff Heilung viel breiter verwendet: Bezeichnungen wie «Heilsam», «Heil werden», oder «Selbstheilung aktivieren», lassen viele Interpretationsmöglichkeiten zu.

In der Schulmedizin gibt es das Phänomen, dass Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung häufig berichten, das Ziel der Therapie sei, sie vom Krebs zu heilen, obwohl die Ärzte als Therapieziele verbesserte Lebensqualität und verlängerte Lebenszeit angaben. Die Herausforderung für den Arzt besteht darin, die Erwartungen des Patienten aufzunehmen, ihm die notwendigen Informationen so zu geben, dass er sie versteht, den Patienten in den Entscheidungsprozess zu involvieren so wie er das möchte und zu respektieren, wie der Patient seine Hoffnung «konstruiert». Während es dazu in der Schulmedizin einiges an Literatur gibt, gibt es in der Erfahrungsmedizin zu diesem Thema wenig. Die Erfahrungsmedizin hat einen viel breiteren Begriff von Heilung als die Schulmedizin und es ist nicht bekannt, welchen Einfluss dieser breitere Begriff auf mögliche Missverständnisse zwischen Patient und Erfahrungsmediziner haben könnte.


«Ich bin Schulmediziner und als solcher gespannt auf die Begegnung mit einer anderen Welt.»


Heilung ist ein Prozess
Heilen aus Sicht von Therapeutinnen

Sabine Bannwart, Catherine Ott

Sabine Bannwart
Präsidentin der Shiatsu Gesellschaft Schweiz (SGS) mit Geschäftsstelle in Wettingen; ehemals Marketing-Managerin bei verschiedenen Firmen; aktuell KomplementärTherapeutin mit Branchenzertifikat OdA KT; eigene Praxis in Pfäffikon ZH.

Catherine Ott
Im Vorstand der Shiatsu Gesellschaft Schweiz (SGS) für das Ressort Externe Beziehungen zuständig; KomplementärTherapeutin mit eidg. Diplom OdA KT für die Methoden Shiatsu und Craniosacral Therapie; eigene Praxis in Bern.

Shiatsu als Methode der KomplementärTherapie ist eine Ergänzung der schulmedizinischen oder der alternativmedizinischen Behandlung. Sie kann eine solche aber nicht ersetzen.

Grund für eine komplementärtherapeutische Behandlung ist praktisch immer ein Symptom. Die Behandlung selbst erfolgt jedoch nicht symptomorientiert, sondern basiert auf einem ganzheitlichen und salutogenen Genesungsansatz. Über Berührungs-, Bewegungs-, Atem- und Energiearbeit werden körperliche Zustände erfahr- und beinflussbar gemacht. Die Selbstwahrnehmung unserer Klientinnen und Klienten stärken wir mit körperzentrierter Behandlung und durch begleitende Gespräche. Haltungen, Denkmuster und Ressourcen des Menschen werden gemeinsam hinterfragt und erforscht. So können Veränderungsprozesse geschehen und Körper, Geist und Seele finden wieder in Einklang.

In unserem Beitrag gehen wir anhand von konkreten Beispielen darauf ein, wie wir zusammen mit den Klientinnen und Klienten die Genesungskompetenz stärken und sie dabei unterstützen, aus eigener Kraft beschwerdefrei(er) durchs Leben zu gehen. Ausserdem sprechen wir darüber, wie wir mit der Erwartungshaltung «geheilt zu werden» umgehen. Denn die Übernahme von Selbstverantwortung ist zentraler Bestandteil des Therapieerfolgs.


Bannwart:

«Heilung ist auch eine Erwartungshaltung. Ich bin gespannt, wie andere Referenten mit den Erwartungshaltungen der Patienten umgehen, vor allem, wenn diese nicht erfüllt werden können.»

Ott:

«Ich bin neugierig auf unterschiedliche Sichtweisen in Bezug auf den Begriff "Heilen". Diese geben sicherlich Anstoss zum gemeinsamen Nachdenken über ein Thema, das viele Menschen bewegt.»


Andere Kulturen, andere Heilmethoden
Heilen aus Sicht der Kulturanthropologin

Mag. Dr. Michaela Noseck-Licul

Michaela Noseck-Licul
Mag. Dr., Kulturanthropologin; Leiterin der Agentur für Erfahrungsmedizin in Österreich; Dozentin für «Ethik für MusiktherapeutInnen» und «Anthropologie des Heilens» an der Fachhochschule Krems.

In allen Kulturen haben Menschen Lösungsansätze entwickelt, um mit Leiden umzugehen. Was Kranksein für den Einzelnen bedeutet und wie Heilung erlangt wird, hängt auch von der Kultur ab, in der ein Mensch lebt. Die Kulturanthropologie bzw. Medizinanthropologie beschäftigt sich mit den kulturellen und sozialen Aspekten des Heilens in anderen, aber auch in der eigenen Gesellschaft. Diese Herangehensweise erlaubt es, die Bedeutung von Heilung sehr umfassend zu betrachten und philosophische Grundlagen ebenso wie die persönliche Sichtweise der Heilungssuchenden zu berücksichtigen.

Gerade Therapeutinnen und Therapeuten der Erfahrungsmedizin mit ihrem ganz eigenen Zugang zu diesem Thema können davon profitieren, wenn sie ihre Arbeit mit Therapieansätzen in anderen Kulturen vergleichen und sich im Spiegel der «anderen» erkennen oder Rückschlüsse auf die Gemeinsamkeiten des Heilens in allen Kulturen ziehen können.


«Mit Heilen verbinde ich weniger das Behandeln und Kurieren einer Krankheit, sondern vielmehr einen längeren Prozess, auf den man sich einlässt und der am Ende womöglich eine neue Erkenntnis mit sich bringt. Ich glaube, dass persönliches Leiden auch eine Chance sein kann, etwas über sich selbst zu lernen.»


Wann sprechen wir wieder über Heilen anstatt über Kosten?
Heilen aus Sicht des Gesundheitspolitikers

Prof. Dr. med. Dr. iur. (h.c.) Thomas Zeltner

Thomas Zeltner
Prof. Dr. med. Dr. iur. (h.c.), ehemaliger Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG); aktuell: Vizepräsident der Medizinischen Universität Wien, Präsident des Verwaltungsrats der Krankenversicherungsgruppe KPT und der Blutspende SRK Schweiz.

Schon 1996 hat der Friedensnobelpreisträger Dr. Bernard Lown in seinem Buch «The Lost Art of Healing» beschrieben, wie der wissenschaftliche Fortschritt den Menschen in Organsysteme seziert und dadurch das Kranksein in über 15'000 Einzeldiagnosen fragmentiert hat. Spezialisten aus 500 Gesundheitsberufen verfügen heute über 6000 Medikamente und 4000 weitere Therapien, die sie über Tausende von Tarifpositionen abrechnen. Unbemerkt ist damit die Medizin zum Turm von Babel mutiert. Die Gesundheitspolitik ist seither vor allem damit beschäftigt, sich in diesem Labyrinth zurecht zu finden und einen Ausweg aus dem Mikromanagement zu finden. Meist vergeblich.

In meinen Ausführungen werde ich nach einem Weg aus diesem Turm von Babel suchen und dabei den Rat von Donald Berwick beherzigen:

"I think health care is more about love than about most other things." (Interview with Maggie Mahar, www.pbs.org. August 28, 2009)

Ich denke, im Gesundheitswesen geht es mehr um Liebe als um die meisten anderen Dinge. (Interview mit Maggie Mahar, www.pbs.org. August 28, 2009)


«Heilen heisst für mich, mit einem kranken Menschen auf eine Wegstrecke aufzubrechen, die von Hoffnung erfüllt ist.»


Religiöser Glaube – nur ein Placebo?
Heilen aus Sicht der Ordensschwester

Ingrid Grave

Ingrid Grave
Ordensschwester der Dominikanerinnen von Ilanz; ehemalige SF-DRS-Moderatorin der «Sternstunden» und Sprecherin des «Wort-zum-Sonntag»; Kolumnistin, Autorin und Mitherausgeberin des Buchs «Frauen in der Kirche? Unverzichtbar».

Heil sein bedeutet ganz sein. Die kleinste Störung im Leib wirkt sich auf das Ganzsein aus und stört damit das Wohlbefinden. Heilen heisst, die Störung zu beheben, was sich positiv auf das Wohlbefinden auswirkt. Heilen sollte immer auch die Psyche einbeziehen, nur dann ist Heilen wirklich ganzheitlich (psychosomatische Medizin).

Bei meinen Ausführungen werde ich auch meine eigene Erfahrung als Krebspatientin einbringen. Meine Krebserkrankung gilt mittlerweile als geheilt, die Konfrontation mit dem Tod hat meine Ansichten zum Thema Heilen tief geprägt.


«Ich bin gespannt darauf zu erfahren, inwieweit in der Medizin bzw. beim Heilen spirituelle Bezüge berücksichtigt, einbezogen, hergestellt oder angeregt werden, um eine ganzheitliche Heilung zu ermöglichen?»


Ist der Mensch überhaupt heilbar?
Heilen aus Sicht des Philosophen

Dr. phil. Ludwig Hasler

Ludwig Hasler
Dr. der Philosophie, Hochschuldozent und Publizist in Zollikon; schreibt Kolumnen und Essays in Fachzeitschriften und Zeitungen, publiziert Bücher und ist der «wohl erfolgreichste Vortragsreisende der Schweiz» (DIE ZEIT, 21.10.2010).

«Was Arzneien nicht heilen, heilt das Messer. Was das Messer nicht heilt, heilt das Brennen. Was aber das Brennen nicht heilt, muss als unheilbar angesehen werden.»

Hippokrates traute drei Heilmethoden, darüber hinaus war der Mensch nicht zu retten. Seither reicht die Palette vom Reparieren übers Therapieren zum Optimieren. Reparieren braucht Geschicklichkeit und Technik. Therapieren braucht – über die wissenschaftliche Methode hinaus – Menschen mit Resonanz: Ärztinnen und Pfleger, die mich ermutigen, noch einmal gesund zu werden.

Heilen (ursprünglich ein sakraler Begriff: Heil, heilig) begnügt sich nicht mit Erneuerung der Intaktheit, zielt mehr auf Transformation als auf Therapie ab: auf die Verwandlung in mein eigentliches Sein, meine volle Existenz. «Heil» bedeutet «ganz» – im Gegensatz zu «zerstückelt». Wer aber hat die Kraft, mich in meine ganze Wirklichkeit zu verwandeln? Traditionell: die Liebe. Heute: Optimierungsmedizin?


«Heilen bedeutet für mich Lieben.»


Moderation

Beatrice Müller


Beatrice Müller

Medien- und Auftrittstrainerin für Führungskräfte und Unternehmen; 2013 Gründung der Kommunikations-Agentur authentic communication in Zürich; Gastdozentin und Leiterin von Podien und Veranstaltungen; Ehemalige Moderatorin Tagesschau SRF, 30 Jahre als Journalistin, Reporterin, Produzentin und Filmemacherin für TV und Rundfunk tätig.

«Mich interessiert, was "Heilen" für andere bedeutet: Referenten und Teilnehmer haben alle einen völlig unterschiedlichen Erfahrungshintergrund und vermutlich auch einen völlig anderen Zugang zu diesem facettenreichen Begriff.»


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